Verbraucherjournalismus

Unabhängiger, guter Verbraucherjournalismus liegt mir am Herzen. In diesem Blog werde ich demnächst regelmäßig über Forschungsergebnisse und Aktuelles berichten. Ich freue mich auf Anmerkungen und Feedback!


Unabhängiger Verbraucherjournalismus ist bedroht

Die Relevanz von Nutzwertjournalismus wird weiter steigen. In immer schnelleren Zyklen kommen Smartphones, Software oder Fernseher auf den Markt. Die Gesellschaft atomisiert sich weiter. Die Folge: Kleine Gruppen entstehen, die sich Tipps zu ihrer speziellen Lebensform oder ihrem ausgefallenen Hobby wünschen. Die entscheidende Frage ist, wer diese Lebenshilfe künftig liefern wird.

Ausgedünnte Redaktionen

In ausgedünnten Redaktionen lässt sich seriöser Nutzwertjournalismus vermutlich nicht umsetzen. Akribische Recherche erfordert Zeit, komplexe Themen verlangen Sachexpertise. An beidem mangelt es schon heute in vielen Redaktionen. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird ausgewogener Verbraucherjournalismus unmöglich. Auch einige Journalistenschulen haben die fachlichen Anforderungen bereits reduziert. Die früher als sakrosankt erachteten Studienabschlüsse und Auslandserfahrungen sind heute nicht mehr zwingend notwendig. Gefragt sind in Redaktionen vielmehr Leute, die bereit sind, für wenig Geld zu arbeiten – und zwar vor allem als Blattmacher oder Produktionsredakteure. Doch ohne entsprechende Ausbildung fällt das Konzipieren valider Studien oder Tests schwer. Fehlende Recherche und mangelnde Sachexpertise sind der Tod kritischer Verbraucherberichterstattung.

Offene Flanke für die PR

Diese Bredouille haben PR-Agenturen und Unternehmen erkannt. Sie bieten gut geschriebene Texte mit Tabellen und weiterem Zusatzmaterial zum Nulltarif und stoßen damit in eine offene Flanke. Einige Redaktionen veröffentlichen das Pressematerial unverändert in ihren Blättern, Hörfunkstationen senden die vorgefertigten Informationen. Telefonaktionen lassen sich viele Redaktionen heute komplett organisieren – Berichterstattung inklusive. Bezahlt wird der Service von Unternehmen und Verbänden. Schon heute werden hauptsächlich solche Verbraucherthemen bei Telefonaktionen berücksichtigt, für die sich zahlende Unternehmen und Verbände finden. Dieser Trend dürfte sich verstärken, wenn in Redaktionen weiter Personal abgebaut wird. Verlage und Sender, die auf vorgefertigtes PR-Material zurückgreifen, bringen sich mittel- und langfristig um ihre Glaubwürdigkeit. Denn Leser und Hörer sind nicht dumm: Sie werden auf Dauer kein Geld für oberflächlich recherchiertes oder von PR-Agenturen zugeschnittenes Material ausgeben. Denn derartig aufbereitete Informationen liefert das Internet zuhauf zum Nulltarif.

Verbraucherjournalismus muss ernsthaft betrieben werden

Wer seinen Lesern und Zuschauern seriösen Nutzwert bieten möchte, muss diesen Bereich personell entsprechend ausstatten. Steht nicht mehr Geld für Personal zur Verfügung, lohnt es sich – sofern möglich –, die Kräfte in einigen Redaktionen anders zu bündeln. So investieren etwa Wirtschaftsredaktionen heute nach wie vor viel Energie in die Unternehmensberichterstattung: und somit in Artikel, die Leser größtenteils ignorieren. Viele Politikredaktionen sind gefangen im Raumschiff Berlin, widmen sich also bevorzugt Geschehnissen, die innerhalb des Berliner Journalistenzirkels und der Generalsekretäre der Parteien als spannend empfunden werden. Was spräche dagegen, einige Kollegen aus der Unternehmensberichterstattung oder dem Politikressort für Berichte aus der Perspektive von Verbrauchern einzuspannen? Ein Bericht über Lebensversicherungen bei historisch niedrigen Zinsen wird – so Ergebnisse der Leserforschung – häufiger gelesen als beispielsweise ein Interview mit einem Vorstand oder ein Bericht über Quartalszahlen. Von dem Thema Lebensversicherung ist schließlich ein Großteil persönlich betroffen. Für das Jahr 2013 zählte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft 91,8 Millionen Verträge. Zudem lohnt es sich, Abläufe in Redaktionen zu prüfen. Sind diese wirklich effizient oder ließen sie sich optimieren? Redakteure einfach auf kleinstem Raum in einem Newsroom zusammenpferchen, bringt nicht automatisch mehr Effizienz. Organisationsstrukturen – Aufbau- und Ablauforganisationen – müssten angepasst werden. Doch welche Verlage oder Sender in Deutschland haben dafür die Kraft?

Verbraucherjournalismus – eine Frage der Perspektive

Redaktionen reden seit vielen Jahren darüber, dass sich die tägliche Zeitung zu einem Magazin wandeln muss – mehr Hintergrund und Nutzwert. Wer diesen Absichtserklärungen Taten folgen lassen möchte, muss sein Personal anders einsetzen. Zu viel Energie fließt in Berichterstattung, die auch Nachrichtenagenturen liefern. Daher sollten Redakteure ihre Zeit verstärkt in Hintergrund und Nutzwert investieren. Viel wäre ohne großen Aufwand mit einem Perspektivwechsel gewonnen. So sollten sich Redakteure bei jeder Nachricht die Frage stellen, ob sich daraus Konsequenzen für den Leser ergeben. Welche Fragen könnte er sich stellen? Wer diese beantwortet, macht damit deutlich, dass auch abstrakte Themen für Leser relevant sind. Den Mediennutzer mit Informationen zu versorgen, damit er das Beste für sich herausholen kann, ist Nutzwert par excellence. Ein Journalismus aus der Perspektive der Verbraucher ist besserer Journalismus. Denn relevant ist nicht, was den Redakteur interessiert, sondern den Leser – zumindest dann, wenn der Journalismus wirtschaftlich erfolgreich soll.

Ist News & Editing effizient?

Auch stellt sich die Frage, ob das aus dem angelsächsischen Journalismus importierte System des News und Editing wirklich effizient ist. Viele Journalisten frustriert das Blattmachen, das Überarbeiten fremder Texte am Computer. Vor allem dann, wenn sie nichts anderes mehr machen. Denn mit dem Berufsbild des Journalisten, der recherchiert und Texte schreibt, haben die (wichtigen und essenziellen) Aufgaben des Blattmachers nichts gemein. Wäre der Output bei wechselnden Schichten größer, weil die Redakteure stärker motiviert wären? Etliche Regionalzeitungen arbeiten erfolgreich nach diesem Prinzip!

Druck auf Redaktionen steigt

Ohnehin stellt sich die Frage, welche Redaktion sich kritischen Verbraucherjournalismus künftig leisten kann. Dem heute schon verbreiteten Mittel, bei kritischer Berichterstattung mit einem Anzeigenboykott zu drohen, werden sich Unternehmen weiter bedienen. Die Konsolidierung in den Medien und im Verbraucherjournalismus wird voranschreiten. Schon heute haben Presseagenturen wie die Deutschen Journalistendienste (djd) oder das Medienunternehmen Biallo großen Einfluss. Allein Horst Biallo beliefert mit seinem Team nach eigenen Angaben regelmäßig knapp 100 Tages- und Wochenzeitungen sowie Onlineportale mit Texten, Tabellen und Infografiken. Dieser Trend wird angesichts unterbesetzter Redaktionen zunehmen. Auch wird der Einfluss von PR-Agenturen steigen. In diesem Umfeld werden Medien mit hoher Glaubwürdigkeit wie beispielsweise TEST oder FINANZTEST an Bedeutung gewinnen. Wenn Medien die Recherche vernachlässigen und PR-Material veröffentlichen, verlieren sie ihr wertvollstes Gut, ihre Glaubwürdigkeit.